Die Last der „guten alten Zeiten“?

google-messestand-cebit-2012-andres-lehmannAndres Lehmann

Womöglich ist es nicht ganz fair, die CeBIT zu Beginn dieses Jahrhunderts mit dem aktuellen Messetrubel in Hannover zu vergleichen. Doch viel hat sich verändert.

Was haben die Hallen 21, 24, 25, 27, 20,19, und 1 gemeinsam? Antwort: Sie spielen im CeBIT-Messegeschehen im Jahre 2012 keine Rolle mehr. Die einst berüchtigte, ehrwürdige Halle 1 etwa ist nun ein Konferenzzentrum.

Vor wenigen Tagen enthüllte Apple sein neues iPad auf der hauseigenen Keynote. Der Mobile World Congress in Barcelona schaffte es dank neuer Smartphone-Präsentationen gar vor kurzem mit einem ausführlichen Bericht in die Tagesschau.

Und die CeBIT? Findet längst nicht mehr neun Tage statt, sondern nur noch fünf. Zwar dreht die Kanzlerin Angela Merkel genau so ihre Runde wie einst Gerd Schröder, doch obwohl sich noch immer viele Menschen auf dem Messegelände tummeln, ist das Flair von einst verflogen.

Verkauft sich Web 2.0 von selbst?

Damals, zu Beginn des neuen Jahrhunderts, als das Internet die Welt eroberte, da präsentierten Firmen wie AOL oder IBM ihre neuesten Innovationen auf der CeBIT. Firmen wie die Deutsche Telekom mieteten gleich eine ganze Halle an. Doch Unternehmen wie AOL versuchen mittlerweile, durch den Erwerb von Blogs noch irgendwie mitspielen zu dürfen. Und die Telekom verkauft in 2012 ihre „Cloud“ als Innovation, denn irgendetwas muss ja „angepriesen“ werden, auf so einem Messestand. Festnetz-Telefonie ist schon bekannt.

Außer SAP, die dank eines großen interessanten Standes quasi der „Platzhirsch“ der alten IT-Giganten waren, und Businesspartner wie Puma oder Lego einluden, ihre Produkte auf einer Art „Messe in der Messe“ anzupreisen, versuchte immerhin Microsoft, die neusten Innovationen auf einem großen Messestand vorzustellen.

Ein „witzig“ aufgelegter Moderator und eine Drei-Mann-Kapelle sollen auf der Bühne Late-Night-Stimmung verbreiten und die neusten Produkte präsentieren. Doch es hilft alles nichts: Der Moderator ist nicht zu verstehen. Soundcheck ist ja auch so was von Web 1.0.

Ob man nun seinen Frieden schließt mit Firmen wie Facebook, oder nicht, vor zehn Jahren wäre die „Site“ selbstverständlich dabei gewesen, beim IT-Treffen in der Landeshauptstadt Niedersachsens. Wahrscheinlich wäre sogar Mark Zuckerberg samt Badelatschen erschienen. Heutzutage versucht immerhin Google den Messebesuchern zu erklären, warum denn bittschön Google+ „the next big thing“ sei.

Hallo, Fachmesse!

Immer wieder ist die Rede davon, die CeBIT sei jetzt wieder eine Fachmesse, die Zeiten der Familienausflüge und Kuli-Sammler sei vorbei. Doch ein Fujitsu-Fußball wird auch heutzutage noch gerne „mitgenommen“, inklusive Massentumult vor der „Ballausgabe“.

Der Unterschied: Einst, da präsentierte TV-„Prominenz“ die neusten Produkte, teils in einer recht heiteren Art und Weise. Heute röcheln sich Moderatoren auf kleinen Podesten etwas zusammen, das Headset stets zu nah am Mund. Schulungen kosten Geld.

Eines hat sich derweil nicht verändert: Fast immer ist genau der richtige Ansprechpartner nicht auf der Messe, und die gute alte Visitenkarte kommt zum Einsatz, „wir melden uns“.

Und auch am Samsung-Stand wird der Wissensdurst bezüglich des kleinen Tablets nicht gestillt. Der „Fachmann“ liest in Seelenruhe die auf einem kleinen Schild zusammengetragenen Fakten, doch „über die Kamera habe ich leider keine weitergehenden Informationen“. Aber das lässt sich ja alles im Internet nachlesen.

Ein paar Impressionen jedoch nimmt der Messebesucher auch im Jahre 2012 mit. Der Trubel ist gefühlt nicht so hektisch wie einst. Und das ganze Spektakel gleicht einer friedlichen Zusammenkunft.

Und womöglich ist ein Platzen der „Messeblase“ auch der schrittweise Aufbruch zu etwas Neuem.

Nur der Fußball mit Werbelogo, der bleibt.

1 Kommentar zu "Die Last der „guten alten Zeiten“?"

  1. Der Artikel trifft es ganz gut. Wer die Messe mit der von vor 10 Jahren vergleicht erkennt sie fast nicht wieder. Hardware Neuvorstellungen fehlen quasi komplett und der Verkehr auf dem Messegelände ist auch viel mehr geworden. Wo sind die Elektrobusse hin? Man muss ja echt aufpassen, dass man nicht über den Haufen gefahren wird.

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