Ein Interview mit dem Eliteforscher Michael Hartmann

schilder-gutenbergstraße-hamburg-andres-lehmannAndres Lehmann

Karriere machen, einmal groß rauskommen, ganz oben sein. Jeder kennt diese Gedanken. Alltäglich wird uns suggeriert, dass wir aufrichtige Anerkennung finden können, wenn wir uns nur genug anstrengen.

Ob Sportschau oder Casting-Show, der Grundtenor lautet: Leistung zahlt sich aus. Aber vielleicht sind funktionierende Netzwerke, kühle Karrierestrategien und der richtige Habitus viel wichtiger als Kompetenz und Leistung.

Wo geht es lang?

Der Eliteforscher Michael Hartmann geht eben solchen Fragen auf den Grund, indem er die Karrierewege der Mächtigen untersucht.

Ich hatte im Kontext der „Causa zu Guttenberg“ die Gelegenheit, ein Interview mit dem renommierten Forscher zu führen. Obwohl seit unserem Gespräch ein Jahr ins Land gegangen ist, hat es nichts an seiner Aktualität eingebüßt – was die Aufregung um zu Guttenbergs Interview-Buch und die Vorgänge um Christian Wulff deutlich zeigen.

Das Interview wurde im März 2011 geführt.

Herr Hartmann, Sie erwähnten in unserem Vorgespräch, dass Sie bezüglich der Plagiatsaffäre des Herrn zu Guttenberg bereits eine Vielzahl von Interviews gegeben haben. Gibt es nach ihrem Dafürhalten einen wichtigen Themenaspekt, der in der medialen Betrachtung der „Causa Guttenberg“ vernachlässigt worden ist?

Die meisten dieser Interviews haben einfach die Frage gestellt, welche Bedeutung der Doktortitel für den Karriereweg hat, eine Frage, die unmittelbar an meine Forschungsarbeiten anschließt. Manchmal bin ich auch um eine politische Bewertung der Affäre gebeten worden, was allerdings deutlich seltener der Fall war. Dass in den Medien eine zunehmende Entpolitisierung der Politik zu beobachten ist, wurde jedoch allenfalls ansatzweise thematisiert, obwohl im Zuge der Berichterstattung um zu Guttenberg eine erhebliche Personalisierung von Politik stattgefunden hat. Es wurde ja vor wie nach der Affäre kaum über die politischen Leistungen oder Nichtleistungen zu Guttenbergs diskutiert, sondern vorwiegend über seine Person.

Trotzdem sind breite Teilen der Bevölkerung offenbar der Auffassung, dass zu Guttenberg eine gute Politik gemacht habe.

Ich weiß nicht anhand welcher Maßstäbe man das beurteilen will, denn eigentlich hat er noch nicht viel gemacht. Er hat den Afghanistan-Einsatz einen Krieg genannt und bei Opel hat er gesagt, er sei gegen die Staatsbeihilfen, um dann dem Kabinettsbeschluss letztlich doch zuzustimmen. Dazu kommt dann die Ankündigung der Bundeswehr-Reform. Das ist alles, was mir als Leistung einfällt. Wirkliche Leistungen sind das nicht.

Hat Sie die vehemente Reaktion der „Scientific Community“ überrascht, die durch das Herunterspielen der Plagiatsvorwürfe ausgelöst wurde?

Gut, es waren ja im Wesentlichen die jüngeren Doktoranden, die protestiert haben. Für die stellen die Vorgänge eine potentielle Entwertung eines Titels dar, in den sie viel Arbeit investieren und von dem sie sich etwas versprechen. Die etablierte Wissenschaft hat sich ja erst relativ spät zu Wort gemeldet. Diesen Leuten müsste eigentlich bewusst sein, dass der Doktortitel, den zu Guttenberg erworben hat, in die Kategorie „reiner Karrieretitel“ fällt. Bei Juristen gab es immer schon die karrierebezogenen Promotionen, bei denen die Ansprüche andere als bei den streng wissenschaftlichen sind. Da erwartet keiner, dass wissenschaftlich etwas Besonderes herauskommt. Überraschend ist deshalb, dass zu Guttenbergs Doktorvater Häberle ihm ein „summa cum laude“ gegeben hat. Normalerweise kriegt man für solche Doktorarbeiten ein „cum laude“ und das war’s. Wenn man sich mal anschaut, wie zu Guttenbergs Ex-Kollegin im Familienministerium ihre Doktorarbeit gemacht hat, dann hätte die „Scientific Community“ meines Erachtens auch da vieles hinterfragen können. Aber das ist nicht passiert – warum auch immer.

Der Soziologe Pierre Bourdieu ging davon aus, dass es in den westlichen Demokratien eine „herrschende Klasse“ gibt, in der es zeitweise zu Machtkämpfen zwischen dem Bildungsbürgertum und dem Großbürgertum kommt, wäre dies ein weiterer Erklärungsansatz für den Protest des akademischen Betriebs?

Ich habe kürzlich eine Radiodiskussion geführt mit einem Professor der Medienwissenschaft und dem Historiker Michael Stürmer. Der Medienprofessor fand zu Guttenbergs Verhalten skandalös, weil es den Denkweisen des Wissenschaftssystems und der Vorstellung „Leistung lohnt sich“ widerspricht, während Michael Stürmer und ich die Sache zwar politisch gegensätzlich, aber dennoch wesentlich nüchterner betrachteten. Wenn ich in der Diskussion höre, dass zentrale Werte des Bürgertums durch zu Guttenberg verraten worden seien, dann sage ich, für das wirkliche Bürgertum – insbesondere das Großbürgertum – sind das keine zentralen Werte, auf die man sich da bezieht. Man schaue sich nur an, wie große Firmen und mittelständische Unternehmer mit dem Steuerrecht umgehen, das Verhalten von Zumwinkel oder die Bestechungsskandale bei Siemens und anderen Großkonzernen – da wird vor allem darauf geachtet, ob das Verhalten den eigenen Interessen dient. So funktioniert Macht. Viele der jungen Doktoranden hingegen haben nur ihre bildungsbürgerlichen Werte, die sie als Kapital in die Waagschale werfen können.

Die Umwandlung ihres Finanzkapitals in institutionalisiertes Bildungskapital ist durchaus üblich im Großbürgertum. Dennoch hat erst die Veröffentlichung eines solchen Vorgangs die Proteste der „Scientific Community“ sowie des Bildungsbürgertums auf den Plan gerufen.

Bourdieu schildert dies in seinem Buch „Der Staatsadel“ ja sehr schön. Das ist der Versuch, die Maßstäbe sowie die relative Autonomie des Bewertungssystems „Wissenschaft“ gegenüber dem System „Politik & Macht“ zu bewahren. Zu meinem eigenen Erstaunen waren die Proteste erfolgreich. Ich habe nicht damit gerechnet, dass zu Guttenbergs zurücktritt, und er wird vermutlich auch zurückkommen. Jedenfalls stärkt dieser Erfolg erst einmal die Autonomie des Wissenschaftssystems. Das Frappierende dabei ist, dass diese Autonomie in den letzten zehn Jahren so stark beschnitten worden ist, wie seit langen Zeiten nicht mehr. Insofern handelt es sich auch um etwas Symbolisches. Es wird zwar ein Erfolg gefeiert, die klassischen Prinzipien des Wissenschaftsbetriebs werden gleichzeitig aber durch die Veränderungen im Hochschulsystem eher ausgehöhlt.

Liegt im dem öffentlichen Diskurs über die Karriere zu Guttenbergs nicht auch die große Chance, die Mechanismen hinter solchen Karrierewegen sichtbar zu machen?

Das Erstaunliche ist aber, dass darüber im Augenblick kaum diskutiert wird, sondern dass es um diese wissenschaftlichen Verfehlungen geht, um Charakterstärke und Ähnliches. Eigentlich müsste es darum gehen, wie die Medien, die öffentliche Meinung und auch die Parteien dazu beigetragen haben, dass zu Guttenberg diesen steilen Aufstieg überhaupt hat nehmen können.

Offenbar billigen Teile der Bevölkerung einem Mann wie zu Guttenberg schneller einen Führungsanspruch zu als anderen.

Man müsste zu Guttenberg eigentlich mit Leuten wie Haider und Berlusconi vergleichen, weil das Grundprinzip seines Erfolges dasselbe ist. Es handelt sich um sehr reiche Männer, die eigentlich mit der Normalbevölkerung überhaupt nichts zu tun haben, die sich dennoch als „Mann des Volkes“ inszenieren. Man müsste darüber diskutieren, was das über die Veränderungen im politischen System aussagt. Wenn sich zu Guttenberg – was er nicht machen wird – an die Spitze einer neuen rechtspopulistischen Partei setzen würde, dann gäbe es zum ersten Mal eine Führungspersönlichkeit, die dazu taugte, so eine Partei dauerhaft im deutschen Parteienspektrum zu etablieren.

Das heißt, die politische Karriere einer Persönlichkeit wie zu Guttenberg funktioniert unabhängig von sachpolitischen Inhalten?

Sein Prinzip ist: Ich bin ein Mann des Volkes, ich bin eben nicht wie die üblichen Politiker, ich stehe zu meinem Wort, ich treffe unpopuläre Entscheidungen und vor allem: Ich habe es nicht nötig! Denn zur Inszenierung gehört natürlich, dass man materiell vollkommen unabhängig ist, da Politikern ja gerne vorgeworfen wird, dass sie ihre Karrieren nur machen, um hinterher persönlich davon profitieren zu können.

Ist der Aufstieg zu Guttenbergs in den Grundzügen nun exemplarisch oder ist er doch eine Ausnahmeerscheinung?

Er ist insofern symptomatisch, als dass er zeigt, wie sehr das Ansehen der Politikelite in den letzten Jahren gelitten hat. Zu Guttenberg wurde ja praktisch wie ein Erlöser gefeiert, obwohl er Widersprüche en masse in seiner Politik hatte. Das hat man alles ignoriert, denn er war smart, er war ein bisschen wie Kennedy, er war einfach anders. Auf der anderen Seite lässt sich so etwas nicht beliebig schaffen. Sie können lange durch den Bundestag gehen, aber so einen wie ihn finden sie wahrscheinlich nicht noch mal. Man muss gewisse Eigenschaften mitbringen, die an die Person gebunden sind. Gleichzeitig müssen aber auch die strukturellen Voraussetzungen stimmen. Eine politische Figur wie zu Guttenberg hätte vor 30 Jahren wohl nicht funktioniert. Sein Großvater hatte in den 60er Jahren ein ähnliches Auftreten. Der Erfolg war aber ungleich geringer, weil die Politik damals noch anders funktionierte.

Sind viele seiner massenkompatiblen Eigenschaften nicht schlicht in dem Milieu entstanden, in dem zu Guttenberg aufgewachsen ist?

Diesem Milieu verdankt er sein Auftreten, vor allem die Selbstverständlichkeit und die Lässigkeit, mit der er sich auf dem nationalen wie auch dem internationalen politischen Parkett bewegt und die für seine Popularität so wichtig sind. Da machen sich die Jahrhunderte Herrschaftstradition der Familie bemerkbar, die die eigene Kindheit und Jugend in vielen Kleinigkeiten geprägt hat. Man weiß dort eben, wie Macht funktioniert, und bewegt sich in Machtgeflechten dementsprechend souverän.

Herr Hartmann, ich bedanke mich für das Gespräch.

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