„Das Wunder von Bern“ im Theater an der Elbe: Rahn schießt! Tor!

das-wunder-von-bern-musical-stage-entertainment-morris-mac-matzenMorris Mac Matzen

Hamburg. Deutschland wurde Fußballweltmeister. Und irgendwie geht alles so weiter, wie zuvor. Nun, dies mag für das Jahr 2014 gelten, in dem so manch einer ein paar Tage nach dem Titelgewinn freudig gestimmt durch das Leben zog. Aber etwas Grundlegendes hat sich gewiss nicht geändert.

Das war im Jahre 1954 anders. Durch den 3:2 Finalsieg gegen die übermächtige Mannschaft aus Ungarn ging so etwas wie ein Ruck durch das ganze Land. Deutschland wurde wach geküsst aus der Nachkriegslethargie – dank eines berauschenden Fußballabends. So jedenfalls lehren es einen die Geschichtsbücher.

Im Jahre 2003 lief der Film „Das Wunder von Bern“ in den Kinos. Regisseur Sönke Wortmann hatte ein rührseliges Stück Filmgeschichte abgeliefert: Ein Vater, der als Spätheimkehrer seinen Sohn nach elf Jahren das erste Mal zu Gesicht bekommt. Genau diese Thematik wurde von Stage Entertainment im Musical aufgegriffen, das fortan im jüngst fertig gestellten Theater an der Elbe in Hamburg zu sehen ist.

Los geht es mit einigen Luftaufnahmen, die auf eine große Leinwand projiziert werden und zeigen, wie sehr Deutschland 1954 noch im Inbegriff des Wiederaufbaus und der Selbstfindung ist. Das Bühnenbild, das facettenreicher vermutlich kaum hätte ausfallen können, zeigt so denn das Leben einer vierköpfigen Familie in ihrem Wohnhaus oder das Geschehen in der Eckkneipe, die Christa Lubanski (Vera Bolten) gemeinsam mit ihrer Tochter Ingrid (Marie Lumpp) am laufen hält. Und auch der Sohnemann Matthias hilft mit – wenngleich sich in seinem Leben vornehmlich alles um den Fußball dreht.


Als Taschenträger vom „Boss“, Helmut Rahn (Dominik Hees), versucht er, dem Geschehen auf dem Rasen ganz nahe zu sein.

Es folgen wunderbare Bilder aus dem Essen der fünfziger Jahre – eingefangen wird etwa das Geschehen auf dem Trainingsplatz. Zu sehen aber ist, wenn man so möchte, nur die Seitenlinie. Das Publikum – bei ausverkauftem Saal sind dies mehr als 1.800 Besucher – hat sich auf dem Spielfeld breit gemacht.

Schwungvoller Beginn

Die Szenenbilder wechseln zu Beginn recht geschwind – oder anders formuliert: Das Musical nimmt von der ersten Minute an Tempo auf, ohne große Taktiererei. Wirklich beeindruckend ist etwa die Einfahrt des Zuges, die den schon verschollen geglaubten Vater der Familie, Richard Lubanski (Detlev Leistenschneider), heimkehren lässt. Zunächst fällt es dem durch den Krieg gezeichneten Kumpel schwer, in den Beruf „unter Tage“ und das Familienleben zurückzufinden. Zudem ist vieles Neu für den Heimkehrer: Sohn Bruno (Davis Jakobs) spielt in einer Rock’n’Roll-Band, seine Tochter trägt aufreizende Kleidung und Matthias spricht nur vom Boss.

Das Szenario beim Kohleabbau lässt ob seiner Geräuschkulisse Richard an das Geschehen an der Front denken – sehr düstere Minuten, die dramatisch dargestellt werden. An die Familientauglichkeit des Stückes sei hier – gerade in Hinblick auf kleinere Musical-Besucher – einmal ein Fragezeichen gesetzt.

Doch schnell folgen schwungvolle Gesangseinlagen, die teils wunderbar orchestriert und vom Dirigenten sowie Pianisten in Personalunion, Christoph Bönecker, angeleitet werden. Auch das Wortspiel – natürlich stets mit Fußballanleihen – weiß hier und da zu gefallen. Schließlich ist der Sportjournalist Paul Ackermann angereist, an seiner Seite die „flitternde“ Ehefrau Anette. Das Rollenbild der fünfziger Jahre lässt Stage Entertainment hier aufleben, ohne es mit Pathos zu überladen.

Ein Musical wie am Schnürchen

Großartig mutet eine Szene an, in der sich die Mannschaft rund um Sepp Herberger auf den Weg in den Schweiz macht: Aus Koffern wird im Nu ein Autobus „gezimmert“ – das ist großes Musical. Es folgt eine stimmungsvolle Inszenierung von „Hoch auf dem gelben Wagen“. Ein Lied, das sich gut einfügt in die ansonsten für das Musical neu geschriebene Musikuntermalung.

In der Schweiz angekommen, ist im späteren Turnierverlauf die Szene mit einer Reinigungskraft im Hotel wunderbar. Herberger wird wohl einer der bekanntesten Fußballsprüche diktiert: Der Ball ist rund und das Spiel daueret neunzig Minuten. So war das also.

Richard derweil überrascht seinen Sohn Matthias, in dem er mit ihm gemeinsam gen Bern aufbricht, um dem Boss ganz nahe zu sein. Denn: Überraschend zog die deutsche Fußballnationalmannschaft ins Finale ein. Was folgt, ist eine spektakuläre Inszenierung der wichtigsten Spielszene, in der Rahn schießt – ein großes Finale, das die Fußballer Fritz Walter, Horst Eckel und Co. am Seil hängend über das Spielfeld flitzen lässt. Der Rasen wird auf die Leinwand projiziert – das wäre etwas für den Trainerfuchs Herberger gewesen.

Das „Wunder von Bern“ ist ein offensiv aufgestelltes Musical, das zwei Halbzeiten lang mit unterhaltsamem sowie innovativem Theater aufwartet und zuweilen auch mal einen gewagten Pass spielt. Nun liegt der Ball im Spielfeld der Zuschauer.

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